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Thien, ein Student in in Paris:

 

EINE NEWS-STORY, DIE EINEN EINBLICK IN DIE METHODEN DER
LAROUCHE NETZWERK

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Kathrin Kindt
Thien, Student in Paris
Paris, 2006
Thien merkte, dass er nicht wirklich mehr zuhörte. Statt sich Notizen zum Vortrag zu machen
oder die eingeblendeten Formeln mitzuschreiben hatte er angefangen Linien zu zeichnen, teils
in konzentrischen Kreisen, teils labyrinthförmig über das Blatt gezogen. Er beschloss, die
Vorlesung zur Volkswirtschafts- Statistik I vorzeitig zu verlassen, zwängte sich an den
anderen Studenten vorbei aus der Sitzreihe und war erleichtert, als er die schwere Holztür
zum Vorlesungssaal hinter sich schloss und die Stimme des vortragenden Dozenten sofort
verstummte.
Er eilte die Treppen zum Eingangsbereich hinunter und überquerte ein wenig zögernd den
Platz vor dem alt- ehrwürdigem Universitätsgebäude, vorbei an den vielen Kommilitonen, die
in beiden Richtungen unterwegs waren.
Dort war er wieder aufgebaut: der Stand mit den selbst gemalten Plakaten politischen Inhalts
und einem kleinen improvisierten Büchertisch der Gruppe „Solidarität und Fortschritt “- ein
schöner Name für eine politische Gruppe, ging es Thien durch den Kopf. Um den Stand
herum bewegten sich drei junge Männer, die eine Zeitung hochhielten und versuchten, mal
mehr mal weniger aufdringlich, die zumeist jungen Passanten anzusprechen. Fast alle gingen
eiligen Schritts an ihnen vorbei, so wie Thien es bisher immer gemacht hatte.
Heute zögerte er, sein Blick fiel auf das Plakat, das eine Abbildung des afrikanischen
Kontinents zeigte, der von grob gezogenen breiten blauen Linien netzartig übermalt worden
war, darunter mit großen Lettern offensichtlich handgeschrieben: Afrika braucht ein modernes
Wasserleitsystem! LaRouche hat ein Konzept vorgelegt!
Einer der jungen Männer sprach Thien sofort an: „Na, haben die weisen Profs dadrinnen dir
etwas davon erzählen können, wie man den Kindern Afrikas helfen kann, sie vorm
Verhungern retten kann, ihnen eine lebenswerte Zukunft eröffnen kann?“ Thien lächelte.
„Das steht nicht unbedingt im Vorlesungsverzeichnis!" „Ach, wozu ist ein Studium denn da,
wenn es nicht die brennenden Probleme der Welt thematisiert?“ „Formeln und Zahlen! Die
ganzen Fakten müssen doch ausgewertet und einbezogen werden!“ warf Thien ein, er dachte
an seine Statistik- Vorlesung, die er vorzeitig verlassen hatte. Der junge Mann lachte , es
klang höhnisch in Thiens Ohren. „Fakten ! Fakten! Graue Theorie, die zum Selbstzweck
betrieben wird und die die Kreativität des Einzelnen zerstört! Nur der wirklich kreative Geist
kann die anstehenden Probleme endlich lösen. Das haben schon die alten Klassiker erkannt,
auch wirkliche Mathematiker wie zum Beispiel Riemann oder Einstein! Mit Zahlen und
mathematischen Aufgaben kann man kreativ umgehen.“ „Wie denn das ? Ich habe im
Moment das Gefühl alle Formeln und Zahlenreihen schwirren durcheinander in meinem
Kopf!“ „Ja, das geht nicht nur dir so“, der junge Politaktivist hatte sich vor Thien gestellt und
schaute ihn leicht mitleidig an. „Es gibt eine Methode durch kleine eigene Versuche einen
kreativen Zugang zur Mathematik zu finden und die gewonnenen Erkenntnisse auf ein neues
gerechtes Wirtschaftssystem anzuwenden, das nicht mehr bestimmt wird von den
Finanzoligarchen der Londoner City und der Wallstreet.“ „ Und wer macht so etwas?“ Thiens
Interesse war geweckt.
Der junge Mann lächelte jetzt sogar leicht: „Wir sind eine international aktive
Jugendbewegung. Wir haben die Nase voll davon, uns alles von der Babyboomergeneration
vorsetzen zu lassen. Wir treiben unsere eigenen Studien und verbinden sie mit unserem
politischen Kampf für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung. Schon mal den Namen Lyndon
LaRouche gehört ?“ Thien schüttelte verneinend den Kopf. Der junge Mann ereiferte sich :
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„Das ist nicht dein Fehler, denn LaRouche wird von den Medien in Europa boykottiert. Er ist
ein Genie und Staatsmann aus den USA, wo er sehr bekannt ist und bereits mehrmals zur
Präsidentschaftswahl kandidiert hat. Du solltest ihn und seine Theorien zur Rettung der Welt
kennen lernen. Lies doch einmal unsere Zeitung `Neue Solidarität`! Sie kommt jeden Monat
neu heraus von uns, den Aktiven in der Partei. Wir schreiben viele Artikel selbst.“ Neugierig
geworden kaufte Thien die ihm angebotene Zeitung.
„Lass deine Telefonnummer da. Dann können wir dir Bescheid sagen, wenn wir eine
interessante Veranstaltung machen.“ Thien kritzelte seine Telefonnummer auf ein ihm
vorgelegtes kleines Blatt. Die drei jungen Aktivisten winkten ihm freundlich hinterher, als er
den Stand verließ.
In der Metro schaute er sich die Zeitung an. Auf der Titelseite wurde in einem rot umrandeten
Kasten in großen Lettern zur Leseraktion aufgerufen, es sollten 1000 neue Leser für die `Neue
Solidarität` geworben werden, damit immer mehr Menschen mit den Ideen LaRouches
bekannt gemacht würden. Darunter das Foto eines grauhaarigen älteren Herrn, ein eher
rundliches, sympathisch wirkendes Gesicht, ein wissendes Lächeln auf den Lippen: Jacques
Cheminade, der Vorsitzende der französischen LaRouche- Partei. Er hatte den Leitartikel
geschrieben mit der Überschrift: „Unser Projekt! Warum die Londoner City und die
Wallstreet unsere Feinde sind.!“
Thien entdeckte beim Umblättern einen Artikel, der angekündigt war als Beitrag des
Wissenschaftsteams der US - amerikanischen LaRouche Bewegung : „ Zurück auf dem Weg
zum grenzenlosen Fortschritt. Ein Schnellprogramm für die Kernfusion.“
In seinem Zimmer legte Thien die Zeitung zur Seite, er hatte noch Bücher für ein Seminar in
der Uni auf dem Schreibtisch liegen, denen er sich umgehend widmen musste.
Spät abends rief ihn André an, ob er die „Neue Solidarität“ gelesen habe, welcher Artikel ihm
besonders zugesagt habe. Thien murmelte etwas von viel Lektüre- Arbeit für die Uni, aber er
habe den Artikel zur Kernfusion interessant gefunden.
„Komm doch nächsten Sonntag Vormittag in unser Büro, dann können wir quatschen. Wir
Aktivisten treffen uns, diskutieren und singen zusammen!“
Thien zögerte: „Ich weiß nicht, ob ich dazu Zeit habe. Ich muss auch am Sonntag für mein
Studium was lesen.“ „Aber in unserer Bewegung geht es um wirklich wichtige Sachen. Wir
wollen den Zustand der Welt so nicht mehr hinnehmen. Wir wollen dafür kämpfen, dass die
politischen Vorschläge LaRouches endlich umgesetzt werden. Dafür kannst auch du etwas
Zeit erübrigen! Komm einfach vorbei, lern uns kennen! Unser Büro ist in der Rue dÀlbert 43
im Stadtteil Clichy. Das ist eher ein Betriebsgelände mit vielen kleinen Firmen. Du gehst in
den Innenhof und dann die Tür rechts, den Aufgang vier Treppen hoch. Dann kommst du an
eine Metalltür. Da klingelst du. Dort ist unser Büro !“ Thien versicherte: „ Ja, ich werde
versuchen zu kommen. Wie viel Uhr trefft ihr euch?“ „ Sei so gegen elf Uhr vormittags da!
Das haut hin!“
Thien sagte zu.
Am Samstag Abend rief André noch einmal an: „Hallo Thien ! Du hast unsere Verabredung
nicht vergessen? Wir erwarten dich morgen!“ Thien versicherte noch einmal, dass er kommen
werde.
Thien hatte sich bisher wenig für die verschiedenen politischen Parteien und Organisationen
in Frankreich interessiert, aber er hatte sich immer eine Menge Gedanken darüber gemacht,
wie man den Menschen in Afrika oder Lateinamerika wirklich helfen könnte, wie man die
Ungerechtigkeit in der Welt zwischen armen und reichen Staaten beseitigen könnte. Warum
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also nicht hingehen zum Büro zu diesem jungen Mann, der so bestimmt die Ideen seiner
Organisation vertrat, und mehr erfahren über seine Bewegung?
So machte er sich am Sonntag gegen 10 Uhr auf den Weg zur Rue d`Albert 43 und traf auf
ein recht unansehnliches, schmuckloses Backsteingebäude. Im Durchgang zum Hinterhof
waren die Firmenschilder mehrerer wohl kleiner Betriebe angebracht. Ein Schild mit dem
Aufdruck der Partei `Solidarität und Fortschritt` konnte er nicht entdecken.
Er ging, wie André es ihm beschrieben hatte, durch einen Seiteneingang auf der rechten Seite
des Hofes - eine braun gestrichene Eingangstür - und dann vier Treppen hoch bis er an eine
grau lackierte einfache Metalltür gelangte, die jedoch keinen Hinweis auf den sich dahinter
befindenden Nutzer aufwies.
Es gab eine Klingel rechts neben der Tür, aber kein Namens- oder gar Firmenschild. André
drückte zögernd den Klingelknopf. Nach einer Weile wurde die Tür von innen einen Spalt
breit geöffnet, eine junge schlanke Frau, die hellblonden Haare zu Zöpfchen geflochten, eine
Nickelbrille mit runden Gläsern auf der Nase, schaute durch den Türspalt auf den Besucher.
„Ich heiße Thien. André hat mich zu heute Vormittag hierher eingeladen.“ Die junge Frau
lächelte und ließ Thien in den Flur eintreten.. Mit Jeans und buntem T- Shirt bekleidet hielt
Thien sie sofort für eine Kommilitonin. Er schaute sich suchend um, da trat André aus einem
Raum gleich links vom Flur. „Gut, dass du gekommen bist. Das ist Thien!“ stellte ihn André
der jungen Frau vor. „Er interessiert sich für unsere Bewegung!“ „Das ist Tina aus Berlin !“
stellte er die junge Frau vor. „Sie wird uns hier in Paris ein paar Wochen unterstützen. Sie ist
auch LaRouche Aktivistin und leitet heute unseren Chor. Wir sprechen hier übrigens alle
Englisch miteinander.“ Thien schaute André und Tina fragend an: „Ihr habt hier einen Chor?
Singt ihr Arbeiterlieder ?“ Die beiden lachten:
„ Der Chor ist ein wichtiger Teil unserer Bewegung. Aber wir haben hohe Ansprüche an die
Lieder, die wir singen. Das sind keine banalen Sachen oder gar Popsongs. Wir proben Musik
aus der Zeit der Klassik, da hatte sie ihren Zenit erreicht und diente dazu, die Menschen
wirklich moralisch weiter zu bringen und sie kreativ zu machen. Wir singen zum Beispiel eine
Kantate von Bach, `Jesu, meine Freude`. Du kennst sie sicherlich.“ Tina hatte sich an Thien
gewandt, der verneinend den Kopf schüttelte.
Sie hatten vom kleinen Flur aus durch eine einfache Holztür den größeren Raum betreten, aus
dem André gekommen war. Der Raum wirkte auf Thien wie ein spärlich möbliertes Büro. Es
gab einen großen einfachen Schreibtisch mit einer hellgrau überzogenen Arbeitsplatte, auf
vier silbern verchromten runden Beinen, der etwas diagonal in der linken Hälfte des Raums.
aufgestellt war. Ein aufgeklappter Laptop befand sich darauf, daneben ein Drucker. Vor dem
Schreibtisch etwas abgerückt stand ein einfacher Stuhl aus grauem Kunststoff. André hatte
wohl dort gesessen und am Laptop gearbeitet, als Thien geklingelt hatte. Neben diesem Stuhl
stand noch ein zweiter ebenfalls einfacher grauer Plastikstuhl.
Rechts neben dem Schreibtisch gab es ein breites und ziemlich tiefes, offenbar selbst gebautes
Holzregal, das bis zum Boden reichte und in dem eine Reihe bunter Paperbackbücher
aufgestellt war, einige Aktenordner standen auf dem oberen Regalbrett und auf den unteren
Brettern lagen nebeneinander ausgedruckte DinA4-Papiere neben ein paar Zeitungen `Neue
Solidarität` und einige bunte Magazine mit dem Titel `Fusion`.
An der Wand gegenüber der Tür bemerkte Thien ein gemütliches dunkelblaues Sofa, schon in
die Jahre gekommen erinnerte es ihn an die Einrichtung einer Studentenwohngemeinschaft.
In merkwürdigem Gegensatz dazu stand der Eindruck, den ein recht großes, dunkel gerahmtes
Fotoportrait eines älteren Herrn hervorrief, das an der Wand direkt über dem Sofa hing. Der
darauf abgebildete ältere Herr schaute den Betrachter streng an durch die von starken
Brillengläsern verkleinerten, dunklen Augen. Die recht große Brille mit dem schwarzen,
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altmodisch geschwungen Metallgestell unterstrich den ernsten Gesichtsausdruck. Über seiner
hohen Stirnglatze zog sich ein spärlicher dunkelblonder Haarkranz an den Seiten bis zu den
Schläfen hin. Die bis zur Brust reichende Fotografie zeigte ihn im dunklen Anzug, mit
dunkler Krawatte und weißem Hemd. Er hielt seinen Kopf leicht zur Seite dem Betrachter
entgegen gestreckt. Die Lippen, verschlossen ohne ein Lächeln anzudeuten, unterstrichen den
Gesamteindruck eines würdevollen, aufmerksam und kritisch beobachtenden Vorgesetzten.
Rechts neben dem gerahmten Foto war eine amerikanische Nationalfahne in leichtem
Faltenwurf an die Wand drapiert worden. Das Arrangement wirkte feierlich und durch den
Kontrast zur spärlichen Ausstattung bestimmend in diesem Raum, zumal es der einzige
Wandschmuck war.
Andrés Stimme klang stolz: „Das ist er- Lyndon LaRouche -, der große amerikanische
Staatsmann und geniale Wirtschaftsexperte! Er hat die vier grundlegenden Wirtschaftsgesetze
aufgestellt, die für die ganze Welt Sicherheit und Wohlstand bringen werden, wenn sie denn
umgesetzt werden!“ „Welche vier Gesetze?“ Thien wurde neugierig . War wirklich alles so
einfach? André antwortete zügig, fast wie auswendig gelernt: „ 1. Rückkehr zum
Roosevelt`schen Glass- Steagallgesetz der Bankentrennung in Investitions- und Kreditbanken
für Privatkunden. 2. Rückkehr zur von oben gelenkten Nationalbankpolitik. 3. Ein
bundesweites Kreditsystem um die Wirtschaft anzukurbeln. 4. Einleitung eines Crash-
Programms für die Kernfusion.“
André ging mit Thien zum Bücherregal, griff eines der bunten Paperbackbücher mit dem Titel
`Das Geheimnis der Wirtschaft – Lösung der globalen Systemkrise` und drückte es Thien in
die Hand. „Lies dieses Buch. Das ist sehr aktuell. Da findest du alles zu LaRouches
Wirtschaftstheorie und Einschätzung der politischen Lage.“ André suchte zwischen den
Zeitungen und den Magazinen und drückte Thien ein Exemplar des Magazins `Fusion` in die
Hand, das ein Foto von Einstein auf der Titelseite hatte, mit dem Untertitel: `Endlich so
denken wie Einstein`. „Dieses Magazin erscheint mehrmals im Jahr und beinhaltet wichtige
Aufsätze zur Ökonomie und Physik, die von Fachleuten in unserer Bewegung geschrieben
werden.“
„Zu unserer Bewegung gehören wichtige Persönlichkeiten. Komm, schau dir ein Video an!“
André hatte Thien zum Schreibtisch geführt, sie setzten sich auf die beiden Stühle vor dem
Laptop und André suchte in den Dateiordnern und spielte ein Video ein, in dem eine betagte
schwarze Dame vorgestellt wurde: Amelia Boyton- Robinson. Sie sei eine wichtige
Vertreterin der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung Martin Luther Kings gewesen, seine
Weggefährtin und habe 1965 an dem berühmten Marsch von Selma nach Montgomery /
Alabama teilgenommen, ja, ihn sogar mit Martin Luther King zusammen organisiert,
erläuterte André. Nun war sie ein aktives und überzeugtes Mitglied der LaRouche Bewegung
und traf sich gern mit den Mitgliedern der Jugendbewegung. Das Video zeigte Amelia
zusammen mit dem Führer der französischen LaRouche Partei ` Solidarität und Fortschritt`
Jacques Cheminade, der grauhaarige ältere Herr mit Brille und wissendem Lächeln um die
Lippen, den Thien aus der Zeitung `Neue Solidarität` bereits kannte. Thien war beeindruckt,
diese Frau hatte wohl Großes geleistet für die Rechte der schwarzen US- Amerikaner und
hatte dabei ihr Leben riskiert. Und sie hatte sich also dieser Bewegung angeschlossen!
André fuhr fort von den großen politischen Plänen seiner Bewegung zu erzählen, wie man die
Menschen überzeugen wollte von den genialen Ideen LaRouches und wie man sie
zurückführen wollte zu den Idealen der Klassik, die die Erziehung eines kreativen Menschen
zum Ziel hatte.
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Die Beiden hatten sich auf dem Sofa niedergelassen und Thien blätterte etwas unschlüssig in
dem Magazin. Was er alles erfahren hatte, schwirrte ihm im Kopf. Da erklang aus dem
Hintergrund getragene klassische Musik. Tina hatte auf dem Regal das CD- Wiedergabegerät
in Gang gesetzt und Brahms ´Requiem` eingespielt.
Andrés Stimme klang ebenfalls getragen, leise, aber eindringlich, als er plötzlich anfing vom
Tod zu sprechen und davon, dass die Welt kurz vor einem absoluten wirtschaftlichen
Zusammenbruch und atomaren 3, Weltkrieg stände, die den Tod des größten Teils der
Weltbevölkerung zur Folge haben würden. LaRouche hätte das vorausgesagt, aber
gleichzeitig einen Ausweg aus dieser drohenden Katastrophe aufgezeigt. Es gehe darum seine
vier ehernen ökonomischen Gesetze möglichst zügig auf der ganzen Welt umzusetzen. Dafür
lohne es sich zu kämpfen und auf die Bequemlichkeiten des Normalbürgers zu verzichten.
Die Generation der Eltern sei durch Drogen und den `Rockn`Roll` Kult gekauft worden und
kümmere sich keinen Deut um die Zukunft der Welt und der Weltbevölkerung. Aber er,
Thien, könne dazu beitragen, die Welt zu retten, indem er sich ihrer Bewegung anschlösse
und Mitglied werde.
Thien fühlte sich zunehmend unbehaglich, André hatte ihm erzählt, dass er sein Kunststudium
aufgegeben hätte, um genug Zeit zu haben für LaRouche zu kämpfen.
Nach und nach hatten einige junge Leute, die léger in Jeans und T-Shirts gekleidet wie
Studenten aussahen, den Raum betreten und sich lässig in der rechten Hälfte des Raumes, die
völlig unmöbliert war, im Halbkreis gruppiert .
Tina ging entschlossen zu ihnen: „Wollen wir anfangen? Machen wir zuerst einige
Stimmübungen!“ Auf ihre kurzen Handzeichen hin summte der Halbkreis nacheinander
immer höhere Akkorde.
„Komm, wir singen auch mit!“ André fasste Thien leicht am Ärmel und zog ihn vom Sofa
hoch. „Ich kann gar nicht singen!“ protestierte Thien. „Ach was! Jeder kann singen, wenn er
richtig angeleitet wird und die Musik erhaben ist.“ Andrés Stimme schwankte zwischen
Strenge und Nachsicht.
Sie stellten sich mit in den Halbkreis und Tina intonierte energisch `Jesu, meine Freude`. Sie
war unzufrieden mit dem nicht übereinstimmend klingendem Gesang. „ Daran müssen wir
arbeiten! Jetzt singt erst einmal jeder einzeln die ersten beiden Zeilen der Kantate, damit ich
korrigieren kann.“ Tinas Stimme klang gebieterisch, mit ernstem Gesichtsausdruck schaute
sie in die Runde und gab dem ersten links von ihr Stehenden das Zeichen zum Einsatz.
Das war zu viel für Thien, er zog sich vorsichtig aus der Gruppe zurück, setzte sich aufs Sofa
und blätterte in dem Magazin, das André ihm gegeben hatte, ohne etwas zu lesen.
Der kleine Chor übte eine Weile, Thien konnte keinen wirklichen Fortschritt heraushören.
Nachdem Tina den Chorgesang ziemlich abrupt beendet hatte, verzogen sich die jungen
Sänger und verließen nach und nach den Raum. Ein junger Mann, der Thien freundlich
begrüßte und sich als „Sebastien“ vorstellte, blieb bei ihnen im Büro. André setzte sich wieder
zu Thien aufs Sofa. „Mit der Zeit wirst du diese Chorarbeit schätzen lernen. Sie macht dir den
Kopf frei und hilft dir dich von den Banalitäten zu lösen, die allgemein als Kunst heutzutage
angesehen werden. Popsongs und Rockmusik haben mit unserer Kultur nichts zu tun.“
Thien konnte diese Einschätzung nicht teilen, aber er antwortete nicht, sondern erhob sich:
“Ich muss jetzt los. Habe noch einiges zu lesen für mein Seminar morgen.“ „Vergiss nicht die
Sachen zu lesen, die ich dir gegeben habe. Sie werden dich wesentlich weiter bringen als der
scholastische Kram, den man für die Uni lesen und lernen muss!“ André schaute ihn ernst an.
Thien bemerkte noch eine Videokamera über der Tür zum Büroraum, als er diesen verließ.
André rief ihm hinterher: „ Du kannst auch schon heute Mitglied in unserer Jugendbewegung
werden!“ „ Ich muss noch darüber nachdenken, ob ich bei euch mitmachen kann!“
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Thien verließ mit den Materialien im Rucksack die Etage.
Er war wohl mehr als drei Stunden dort gewesen und als er die Treppe hinunterlief, fühlte er
sich anders als sonst, seine Gedanken schwirrten durcheinander und brachten unterschiedliche
Bruchstücke von dem, was er erfahren und erlebt hatte, in sein Bewusstsein zurück.
Es war gut gewesen mit diesen politisch aktiven jungen Menschen den Vormittag verbracht
zu haben und nicht nur zu diskutieren, sondern Musik zusammen zu erleben. Die meisten
waren wohl locker drauf! Aber die strenge Art, die Tina an den Tag legte bei der Chorprobe,
fand er merkwürdig. Doch gab es wichtige Persönlichkeiten in der Organisation wie diese alte
schwarze Bürgerrechtlerin und LaRouche selber schien ein respektabler Chef zu sein.
Außerdem hatte André Recht, wenn er kritisierte, dass den meisten Menschen aus der
Generation seiner Eltern der Zustand der Welt egal war. Sie lebten nur für ihre Arbeit und
verbrachten die Freizeit mit oberflächlichen Zerstreuungen. Alkohol und andere Drogen
spielten da auch eine Rolle. Vielleicht musste man wirklich alles von Grund auf neu
überdenken... die ganze Welt der Elterngeneration stimmte so nicht mehr... man musste sich
davon lösen... von `Mamasöhnchen` hatte André abschätzig gesprochen... ein anderes
politisches Konzept musste her... ein `neues Paradigma`, so hatte Sebastien es genannt....
Aber warum die Videokamera im Büro ? Wurde dort alles überwacht oder war sie da, um
nachts eventuell Eindringlinge zu filmen ?
André rief ihn am nächsten Abend wieder an: „Kommst du nächsten Sonntag vorbei?
Sebastien wird ein kleines Referat halten zum Thema `Die Besiedlung des Mars` . Wir sind
alle gespannt!“ „Nee, geht nicht! Nächstes Wochenende bin ich bei meinen Großeltern in Le
Havre. Mein Opa wird 75 Jahre alt.“ „Na, da musst du doch nicht wirklich erscheinen. Liegt
dir etwas daran viel zu essen und nur über das Wetter oder andere Verwandte zu reden?“
Andrés Stimme hatte einen leicht spöttischen Unterton, wurde dann ernst. „Wir haben mit
Sebastiens Vortrag ein Thema, das für die zukünftige Entwicklung der Menschen wichtig ist!“
Thien zögerte etwas: „ Nein, da muss ich hin. Meine Großeltern unterstützen mich finanziell,
damit ich studieren kann. Ich mag sie wirklich sehr gern, man kann gut mit ihnen
diskutieren.“ „Na, wenn du meinst...“ Andrés Stimme klang reserviert, wurde aber wieder
freundlich: „ Dann sehen wir uns am Mittwoch Mittag vor der Mensa. Wir machen da einen
Stand zum Thema `Die BRICS- Staaten: Wiederaufbau statt Selbstzerstörung`. Eine
spannende Sache, wie Russland und China den Ländern der `Dritten Welt` helfen und dabei
das Wirtschaftskonzept von LaRouche anwenden. Komm vorbei und hilf uns etwas!“ Thien
versprach es vorbeizuschauen.
In der kommenden Woche hatte er mehrere Termine mit einer kleinen Arbeitsgruppe, die ein
Referat zum Thema `Globalisierungstendenzen in der Weltwirtschaft` für ein
Ökonomieseminar erstellen musste. Da ihr Referat bereits in der nächsten Sitzung am
Donnerstag dieser Woche auf dem Seminarplan stand, war die Arbeitsgruppe unter Zeitdruck
geraten das Referat fertig zu stellen. Es wurden zusätzliche Termine anberaumt und am
Mittwoch traf man sich vom Vormittag bis in den späten Nachmittag für die
Schlussredaktion.
Am späten Mittwoch Abend rief André an. „He du Schlaftablette, wo warst du heute Mittag?
Wir haben am Stand auf dich gewartet ! Wir hatten eine Menge interessanter Gespräche mit
Kommilitonen von dir. Wir haben fünf Zeitungen verkauft und eine Spende von 10 Euro
bekommen. Ein voller Erfolg! Wo warst du denn?“ Thien murmelte etwas von der
Arbeitsgruppe und dem Referat, das sie fertig stellen mussten. „ Klebst du immer noch an
deinem Semesterplan ? Wozu das Ganze ? LaRouche hat sich auch zur Globalisierung
geäußert und eine hervorragende Einschätzung dazu geliefert! Die Nationalstaaten sollen sich
auf ihre eigene ökonomische Stärke besinnen, die Globalisierung wird von den
Finanzspekulanten der ´Wallstreet` und .der `Londoner City.` angeheizt, sie machen ihren
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Gewinn damit. Die Weltbevölkerung leidet darunter, weil Arbeitsplätze zerstört werden.
Leider sind unsere Politiker von den Finanzoligarchen gekauft worden und richten sich nach
deren Interessen. Wir müssen etwas dagegen setzen durch unseren Kampf und selbstlosen
Einsatz für die Ziele der LaRouche Bewegung. Du kannst auch dazu gehören! Du hast das
Zeug dazu!“
Thien war berührt, noch nie hatte jemand versucht ihn so nachhaltig für eine Bewegung oder
eine Sache zu gewinnen. Genau genommen hatte er in diesem ersten halben Jahr, in dem er in
Paris lebte und an der `Sorbonne` studierte, noch keine richtigen Freunde gewinnen können.
Die Gruppe der jungen Leute, die er am Sonntag Vormittag kennen gelernt hatte, war ihm
durchaus sympathisch. „ An diesem Wochenende werde ich meine Großeltern besuchen. Da
geht kein Weg dran vorbei. Aber ich kann am Sonntag drauf wieder zu eurem Treffen
kommen, oder trefft ihr euch nicht?“ „Doch, doch!“ versicherte André hastig. „ Sei pünktlich
und lies die Artikel in der `Neuen Solidarität`!“ Thien versprach es.
Le Havre am Wochenende
Am Samstag Vormittag stieg Thien im `Gare du Havre` aus dem Zug, der ihn von Paris
hierher gebracht hatte, verließ den Bahnhofsvorplatz und bog in den breiten Boulevard
Strasbourg ein. Er hatte es nicht weit bis zur Rue Jean Baptiste, einer schmalen Querstraße,
wo seine Großeltern ein kleines vietnamesisches Restaurant betrieben.
Er freute sich seine Großeltern wiederzusehen. Er hatte die letzten Jahre bei ihnen gelebt, weil
seine Eltern Arbeit in den Renault- Werken in Lyon gefunden hatten und dorthin gezogen
waren.
Seine Großeltern waren 1973 mit ihren beiden Kindern aus Saigon nach Frankreich
ausgewandert und in LeHavre hatten sie Fuß fassen können. Sie hatten bereits in Saigon in
der Küche eines kleinen französischen Hotels gearbeitet und waren mit Hilfe des
französischen Hotelmanagers ausgewandert, als die französischen Kolonisatoren sich
zurückzogen und Vietnam den US- amerikanischen Besatzern überließen.
Es war den Großeltern gelungen in LeHavre zunächst einen Imbiss zu betreiben und später
dieses kleine Restaurant zu übernehmen. Ihr älterer Sohn- Thiens Vater- erlernte den Beruf
des Autobauers, heiratete 1984, drei Jahre später wurde Thien geboren. Die Eltern zogen
Ende der 90ger Jahre nach Lyon. Thien blieb bei seinen Großeltern, besuchte weiter ein
Gymnasium in LeHavre und machte 2005 sein Abitur. Er fühlte sich wohl bei seinen
Großeltern, die alles dafür taten, dass er die Schule erfolgreich beenden konnte, und die nun
stolz darauf waren, dass er in Paris an der Sorbonne sein Ökonomie- Studium begonnen hatte.
Als er das kleine Restaurant von der Straße aus betrat, bemerkte er, dass der runde Tisch ganz
links im Gastraum für die Familie und ihn gedeckt war. Auf das traditionell vietnamesische
Essen, das ihn erwartete, hatte sich Thien die ganze Zeit gefreut.
Es waren um diese Zeit noch keine weiteren Gäste im Lokal. Die Großeltern kamen in ihren
weißen Küchenjacken und weißen Käppis auf dem Kopf aus der Küche und umarmten Thien
zärtlich. Hinter ihnen trat Linh, sein Onkel, ebenfalls in Küchenkleidung, zu ihnen. Er
unterstütze seit ein paar Jahren seine Eltern bei der Führung des Restaurants und würde es
bald eigenständig übernehmen. Auch er begrüßte Thien mit einer herzlichen Umarmung.
„Setz dich, du musst hungrig sein!“ forderte er ihn auf. Thien setzte sich zusammen mit den
Großeltern an den gedeckten runden Tisch und Linh servierte ihnen zunächst einen Teller
Pho Bo. Thien liebte diese angenehm gewürzte Suppe mit Reisnudeln, frischem Gemüse und
darin gekochtem Rindfleisch. Er aß mit gutem Appetit.
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Alle drei aßen zunächst schweigend, dann fragte ihn sein Großvater: „Wie läuft dein Studium
in Paris? Hast du schon viel Neues gelernt? Erzähl uns !“ Thien berichtete leicht zögernd von
den Vorlesungen und Seminaren und von dem Referat zur Globalisierung, an dem er
mitgearbeitet hatte. Die Großeltern hörten aufmerksam zu.
Inzwischen hatte eine Gruppe von vier Gästen den Raum betreten, Linh kümmerte sich um
sie, schaffte es aber zwischendurch seiner Familie einen Teller mit Goi Cuon, in
transparentes Reispapier eingewickelte Frühlingsrollen gefüllt mit Gemüse, Kräutern und
Hühnerfleisch , auf den Tisch zu setzen.
Alle aßen davon und tranken grünen Tee aus kleinen Gläsern. „Kennst du schon viele Leute
in Paris ?“ wollte seine Großmutter wissen. Thien zögerte noch etwas länger mit der Antwort.
„ Ich habe eine Gruppe kennen gelernt, sie sind eine Bewegung mit politischen Zielen. Sie
waren sehr freundlich zu mir und haben mich in ihr Büro eingeladen. Dort haben sie
Chormusik einstudiert.“ „ Davon musst du uns später noch mehr erzählen“ Seine Großmutter
schaute ihn forschend an, als könnte sein Gesichtsausdruck ihr mehr darüber mitteilen.
Beide Großeltern waren aufgestanden und gingen in die Küche um zu arbeiten, denn der
Gastraum hatte sich weiter gefüllt.
Thien brachte seinen Rucksack nach oben in die kleine Wohnung, die seine Großeltern sich
dort eingerichtet hatten. Sein Onkel Linh lebte mit seiner Familie in einer Wohnung ein paar
Straßen weiter.
Thien ging wieder ins Erdgeschoss in die Küche, zog sich ebenfalls eine weiße Jacke über
und half beim Zubereiten der Speisen.
Am späten Nachmittag, als der letzte Gast gegangen war, schlossen sie die Tür des Lokals ab
und setzten sich wieder um den runden Tisch, dieses Mal zusammen mit Linh. Die
Großmutter hatte eine Schüssel mit Che Chuoi auf den Tisch gestellt, ein weißer
dickflüssiger Brei, der hauptsächlich aus Bananen und Kokosmilch bestand. Thien aß mit
Genuss eine große Portion.
„Erzähl uns weiter von der Gruppe, die du in Paris kennen gelernt hast!“ forderte ihn die
Großmutter auf. Thien bemühte sich zusammenhängend darzustellen, was er in der letzten
Woche erlebt hatte, er berichtete von André , Sebastien und Tina, von den politischen Zielen
der Gruppe, von ihrem genialen Führer in den USA, von Zeitungen und Büchern, von ihrem
Büro. Alle hörten ihm schweigend zu, nur seine Großmutter fragte manchmal nach und wollte
das Magazin `Fusion` sehen mit dem Foto von Einstein auf der Titelseite.
Sie gingen alle hoch in die Wohnung um sich auszuruhen. Um 19 Uhr würde das Restaurant
wieder öffnen und abends gab es noch mehr zu tun für die vielen Gäste, die bis in die späten
Abendstunden blieben und ausgiebig aßen.
Erst am nächsten Morgen saßen die Großeltern wieder mit Thien zusammen, aßen
Nudelsuppe und tranken Tee.
„Ich habe die ganze Zeit über deine Gruppe nachgedacht und mir das Magazin angesehen!“
meinte seine Großmutter unvermittelt. „ Es handelt sich um eine amerikanische Sekte! Das ist
ganz klar! “ Ihre Stimme klang besorgt, sie sprach sehr eindringlich und schaute Thien ernst
in die Augen. „Niemand kann allein so weise sein, dass er die Welt besser versteht als der
Rest der Menschheit. und dass er allein weiß, was für alle Menschen richtig ist. Warum ist
dieser Amerikaner nicht überall auf der Welt berühmt, wenn er so ein Genie ist? Warum
halten seine Anhänger nichts vom Studium, in dem man eine Menge lernt und durch das man
doch erst weiter kommt?“ Thien versuchte dagegen zu halten, er hatte ähnliche Fragen gehabt,
aber André hatte sie aus dem Weg geräumt.
Die Drei am runden Tisch diskutierten lange und sehr ernsthaft über die Bewegung, zu der
Thien Kontakt aufgenommen hatte: über die Situation in der Welt, über Arbeit und Wohlstand
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und die Interessen der einzelnen Menschen. Thien versuchte die Position der Bewegung
einzunehmen und zu vertreten. Seine Großeltern hielten dagegen und argumentierten vor dem
Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen, die Thien zu einem Teil miterlebt hatte. Er schätzte
ihre aufrichtige Haltung, die sie nach seinem Eindruck auch unter den harten Bedingungen
ihres Lebenslaufs nie aufgegeben hatten. Er merkte, wie besorgt seine Großeltern waren und
er konnte verstehen, dass sie auf keinen Fall wollten, dass er sein Studium vernachlässigte
oder gar aufgab. Sie hatten so viel getan dafür, dass er so weit gekommen war und sie hatten
hart arbeiten müssen die ganzen Jahre. Auch das hatte Thien mitbekommen, wenn er ihnen
von Zeit zu Zeit im Restaurant geholfen hatte.
„Wir sind keine Babyboomer oder wie die Generation der Älteren von der Gruppe genannt
wird!“ meinte sein Großvater. „ Du weißt selber, dass wir kaum Freizeit gehabt haben all
diese Jahre. Von Drogen halten wir nichts, abgesehen von einem Schnäpschen ab und zu!“ Er
zwinkerte ihm zu. „ Aber eins ist klar! Diese jungen Leute aus der amerikanischen Bewegung,
die du in Paris getroffen hast, haben zu viel Vertrauen zu einem alten Mann, der viel erzählt
und wenig macht. Sie haben aufgegeben selbst nachzudenken und etwas Gutes für die
Menschen zu tun. Sie sind in der Falle!“
„Wir möchten nicht, dass du weiter zu ihnen gehst!“ Die Stimme seiner Großmutter klang
ernst, sogar streng. So hatte sie nie mit ihm vorher gesprochen, sie hatte immer Verständnis
für ihn gehabt, auch wenn mal etwas schief lief. Sie beendete damit die morgendliche
Diskussion, denn die Arbeit in der Küche wartete. Es würde nicht mehr lange dauern bis die
ersten Gäste für ein Mittagsmahl ins Restaurant kamen.
Thien konnte die Ermahnung seiner Großmutter akzeptieren, ihm fielen seine eigenen Zweifel
ein, die er in Paris gehabt hatte, und so versprach er, als er sich einige Stunden später von
ihnen verabschiedete, dass er den Kontakt zu der Gruppe abbrechen werde.
Er fuhr mit dem Zug am späten Sonntag Nachmittag nach Paris zurück. Seine Großmutter
hatte ihm noch einen Beutel voller vietnamesischer Lebensmittel mit auf den Weg gegeben
und er hatte beim Abschied gemerkt, dass seine Großeltern ihm vertrauten.
Paris, die folgenden zwei Wochen
André rief noch am Sonntag spät abends an. Thien hatte ihm erzählt, dass er um 21 Uhr
wieder in Paris eintreffe. „Na, wie war die Geburtstagsfeier deines Alten?“ „ Mein Großvater
ist immerhin 10 Jahre jünger als LaRouche !“ wendete Thien spontan ein. „Wir haben
zusammen leckere vietnamesische Speisen gegessen, aber um ausgiebig zu feiern war keine
Zeit. Meine Großeltern mussten für ihr kleines Restaurant arbeiten. Das konnten sie nicht
einfach schließen.“ „Wann kommst du wieder zu uns? Am Sonntag?“ „ Ich habe erst mal
keine Zeit!“ Thien versuchte sehr bestimmt zu antworten. „ In zwei Wochen schreibe ich eine
wichtige Statistik Klausur. Dafür muss ich noch hart arbeiten.“ „ Du hängst sehr an deinem
Studium!“ Andrés Stimme klang wieder leicht spöttisch. „Vielleicht hast du Lust am Freitag
Abend zu uns zu stoßen. Wir treffen uns in einer Pizzeria in der Nähe unseres Büros. Wir
feiern ein wenig! Jean hat Geburtstag! Du bist eingeladen! Es sind noch zwei junge, sehr
hübsche Aktivistinnen aus den USA zu uns gekommen: Alice und Kesha. Du wirst sie kennen
lernen.“ „ Danke für die Einladung, aber ich kann leider nicht dazu kommen. Ich muss
sowieso über alles nachdenken!“ Thien antwortete dieses Mal hastig. „Nachdenken? Ja, das
ist prinzipiell nicht falsch. Du solltest dazu aber unbedingt die Texte lesen, die ich dir
mitgegeben habe- ohne die hat dein Nachdenken keine Grundlage!“ Thien murmelte einige
Worte um sich zu verabschieden und unterbrach den Telefonkontakt ohne auf Andrés
Reaktion zu warten.
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Er hatte viel zu lernen um sich auf die anstehende Klausur vorzubereiten. Trotzdem nahm er
sich die Zeit in der Universitätsbibliothek im Internet nachzuforschen um mehr über
LaRouche und seine Bewegung zu erfahren.
Er war erstaunt auf wie viele Links er im Internet stieß, als er den Suchbegriff `La Rouche
Bewegung` eingegeben hatte. Da waren zunächst zahlreiche `hauseigene` Seiten, in die er
nicht schaute. Ihn interessierten die kritischen Beiträge. Es gab einen sehr umfangreichen
Text, veröffentlicht von der offiziell- staatlichen französischen Sektenberatungsstelle
`Mivilude `, die vor der manipulativen Vereinnahmung vorwiegend junger Menschen durch
die La Rouche Organisation warnte und diese als totalitär und antisemitisch bezeichnete. Ein
Artikel der in Deutschland aufgelegten `Neuen Solidarität `aus dem Jahr 1976 wurde zitiert,
in dem die Ehefrau La Rouches Helga Zepp LaRouche offen vom `Holocaust- Schwindel`
schrieb.
Der Begriff `Finanzoligarchen`, den auch André verwendet hatte, sei ein Kodewort für
`Juden` und fester Bestandteil der La Rouche Ideologie und der Hasskampagnen seiner
Organisation.
Den Lebenslauf La Rouches fand Thien ebenfalls bemerkenswert. Dieser war bereits in
jungen Jahren politisch aktiv gewesen und hatte verschiedene politische Organisationen
begründet, die `US Labor Party` von 1973 hörte sich als links ausgerichtet an, LaRouche
wurde als Anhänger des russischen Revolutionärs Trotzki eingeschätzt, später sei er nach
rechts gerutscht, obwohl seine Organisation mit den zahlreichen Zweigstellen auf der ganzen
Welt sich weiterhin eher links gab für die Interessen der Arbeiter eintretend. Die europäischen
Ableger führten über die Jahre den Namen `Europäische Arbeiterpartei `.
La Rouche selbst wurde zusammen mit elf seiner engen Mitarbeiter im Dezember 1988 in den
USA zu 15 Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung und Kreditbetrugs verurteilt. Als er 1989
seine Haftstrafe antreten musste, äußerte er vor der Presse, er befürchte, dass er im Gefängnis
umgebracht werde.
Gesund und munter konnte er jedoch seine Zelle bereits fünf Jahre später verlassen. Es war
ihm gelungen aus der Haft heraus seine Organisation weiter zu führen und sogar für die
Präsidentschaftswahlen 1992 in den USA zu kandidieren. Seine Anhänger sahen in ihm einen
politischen Gefangenen und hielten die ganze Zeit über treu zu ihm.
Tief berührt reagierte Thien, als er auf die Website der `Gerechtigkeit für Jeremiah`
Kampagne ging und über den Tod des britischen Studenten Jeremiah Duggan las, der in Paris
studiert hatte und dort auf dieselben jungen Aktivisten der Partei `Solidarität und Fortschritt`
gestoßen war, die auch zu Thien Kontakt aufgenommen hatten.
Sie waren zusammen im März 2003 zu einer Konferenz und Kaderschulung nach Wiesbaden
in Deutschland gefahren und Jeremiah war dort, den Polizeiberichten zufolge, von zwei Autos
überrollt und getötet worden.
Seine Eltern glaubten nicht an einen `Selbstmord`, von dem die Staatsanwaltschaft in
Wiesbaden ausging und keine weiteren Ermittlungen durchführte. Sie verlangten vielmehr
eine gründliche Untersuchung der Todesumstände und eine spezielle Durchleuchtung der
LaRouche Organisation mit ihrer totalitären Struktur und merkwürdigen
Manipulationstechnik. Sie versuchten auf eigene Faust die Sachlage aufzuklären, die zum
gewaltsamen Tod ihres Sohnes geführt hatte, und fragten nach Zeugen, die etwas dazu
aussagen konnten.
Die Informationen, die Thien aus dem Internet erhalten hatte, bestätigten die Einschätzung,
die seine Großeltern aus seinen Erzählungen spontan gewonnen hatten und in der Diskussion
mit ihm vertreten hatten. Thien war fest entschlossen, sich an sein Versprechen, das er ihnen
gegeben hatte, zu halten.
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Auf die Anrufe Andrès, die an den folgenden Abenden regelmäßig bei ihm eingingen,
reagierte er nicht mehr.
Er schrieb eine Email an die Adresse der `Gerechtigkeit- für- Jeremiah` Kampagne:
„Hallo,
mein Name ist Thien Duong. Ich bin Student in Paris.
Ich bin sehr berührt darüber, was Jeremiah passierte.
Ich stieß auf diese üble Organisation vor einem Monat...“